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2010 Archives

Anatomie eines kleinen Protestes

Vor einem halben Jahr suchte die ÖVP mit großem Getöse „den Superpraktikanten”. Gefunden hat sie anfangs aber hauptsächlich ÖVP-kritische Bewerbungen und solche, die sich über die ganze Aktion lustig machten. Pünktlich zum Finale wurden diese allerdings stimmenmäßig von parteinäheren Personen überholt, bis schließlich Vizekanzler Josef Pröll eine glückliche Gewinnerin in die Kamera halten durfte.

Nicht nur die ominöse Stimmvermehrung stand in der Kritik, sondern auch, dass die Regierungspartei damit unbezahlte Volontariate in einer für Jugendliche ohnehin schwierigen Wirtschaftslage bewerbe (Quelle: ots.at). Auf einen weiteren Kritikpunkt wurde ich durch folgende Tweets aufmerksam gemacht:

Superpraktikantin Tweets

Davon angeregt, stellte ich fest, dass es die Partei nicht einmal der Mühe wert gefunden hatte, die Domain superpraktikantin.at zu registrieren. Ein paar Mausklicks später gehörte sie mir und die Idee für einen kleinen Protest ward geboren.

Schnell wurde ein Layout so nah wie möglich am Original entworfen, der §9 des Gleichbehandlungsgesetzes zitiert und einfachste Möglichkeiten zur Verbreitung über Twitter und Facebook hinzugefügt. Auch ein Facebook-optimiertes Vorschaubild durfte nicht fehlen.

Superpraktikantin Screenshot

Kurze Zeit später war alles zusammengefügt, ich konnte meinen kleinen Protest also starten und gleichzeitig damit auch ein Experiment: Wieviele Besuche würde ich generieren, wenn ich als Bewerbung nur jeweils eine einzige Nachricht mit Link über Twitter und Facebook absetze?

Auswertung

Gesamt* Erste 24h
Eindeutige Besuche 7.600 1.500 (20%)
Seitenansichten 11.000 2.200 (20%)
Retweets** 90 65 (72%)
Facebook Posts 485 65 (13%)

* Stand: 19.05.2010
** Retweets über TweetMeme.com. Es gab noch einige zusätzliche Verlinkungen über Twitter, die aber offenbar von TweetMeme nicht mitgerechnet wurden und hier auch nicht ausgewiesen sind.

In den ersten 24 Stunden kamen 1.500 Leute auf die Seite, das ist ein Fünftel aller Besuche bis zum heutigen Tag. Circa 9% davon verbreiteten die Seite weiter und während anfangs dafür Twitter und Facebook gleichermaßen eingesetzt wurden, erwies sich Facebook auf Dauer als wesentlich effektiver.

Beim Suchwort „Superpraktikantin” wird die Seite bei Google mittlerweile an zweiter Stelle, gleich unter dem Original angezeigt. Dies ist auch die Quelle der meisten aktuellen Besuche.

Die Zugriffstatistik zeigt deutlich, dass die Protestaktion hauptsächlich von den initialen Verteilerinnen und Verteilern getragen wurde.

Statistiken Superpraktikantin

Die zweite große Welle kam über einen Artikel im Online-Standard, der am 11. November – kurz nachdem ich (völlig unvorbereitet) der freundlichen Dame von der APA ein Kurzinterview gab – erschien. Eine Galerie auf diePresse.com war die letzte größere Quelle, bevor der Zugriffsstrom abebbte und sich (bis heute) bei einer handvoll Besuche pro Tag einpendelte.

Gemessen am Aufwand und den vielen positiven Rückmeldungen, wofür ich mich ganz artig bedanken möchte, bewerte ich die Aktion sowohl im Sinne einer Protestaktion als auch einer Feldstudie als einen schönen Erfolg.


Link-Kultur

Dies ist mein Beitrag zur Blog-Parade von BLÖGGER zum Thema „Link-Kultur” und der Frage, warum es immer weniger Verlinkungen unter Bloggern gibt.

Blogparade Linkkultur

Eines voran: Ich höre diese These zum ersten Mal und hätte mir – wenn wir schon beim Thema sind – im Ausgangsartikel durchaus Links zu Beiträgen und Statistiken gewünscht, die diese untermauern können. Rein subjektiv kann ich nämlich nicht bestätigen, dass die Kultur des Verlinkens unter Bloggern abgenommen hat, vielmehr hat sich die Kultur des Bloggens selbst verändert.

Früher war das Blog zentraler Knotenpunkt seines Autors. Alles was gefiel (oder eben nicht) wurde von ihm darauf veröffentlicht, verbreitet oder kommentiert. Umgekehrt war es auch die einzige Anlaufstelle für interessierte Leser. Auftritt Microblogging. Plattformen wie Twitter und Facebook sowie Tumblelogs à la Soup, Posterous oder Tumblr haben zu einer Dezentralisierung des Informationsflusses zwischen Autor und Leserschaft geführt. Das Blog stellt nun nicht mehr den einzigen Kommunikationskanal des Autors dar, sondern einen von mehreren. Vielen Themen, vor allem wenn es um die Verbreitung von Fremd-Information geht, werden keine klassischen Blogartikel mehr gewidmet, sondern – im Fall von Twitter – „nur noch” 140 Zeichen – inklusive Links. Umgekehrt bedeutet dies für Interessierte, dass sie den Aussagen des Autors nun über mehrere Wege lauschen können.

Die Quantität der Beiträge in vielen Blogs ist meinem Eindruck nach dadurch tatsächlich gesunken. Diese Schlankheitskur hat allerdings bei einer Vielzahl meiner abonnierten Blogs zu einer Qualitätssteigerung geführt. Wenn schon gebloggt wird, dann richtig. Und dabei wäre mir eine Verlinkungsfaulheit nicht aufgefallen, sogar eher das Gegenteil.

Warum aber überhaupt die Sorge um zu wenig Verlinkungen?

Links sind die Synapsen des Webs

Kommt ein Mensch auf die Welt, so fasst sein Gehirn zwar Unmengen von Neuronen, allerdings gibt es noch kaum Verbindungen, also Synapsen, zwischen ihnen. Bei jeder neuen Erfahrung, jeder neuen Erkenntnis werden frische Synapsen gebildet, bis man als Erwachsener ungefähr 100 Billionen (!) sein eigen nennen darf.

Nichts anderes sind Hyperlinks. Sie verbinden Wissen, Erfahrungen, Erkenntnisse, bieten weiterführende Daten, Erklärungen, Informationsquellen und lassen Zusammenhänge erkennen. Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit war so viel Wissen so vielen Menschen zugänglich.

WolframAlpha schätzt, dass das World Wide Web im April letzten Jahres über 230 Millionen Websites umfasste. Ohne Verbindungen zwischen ihnen wäre jede einzelne wertlos.

Synapsen
Bild: (cc) by-nc flickr/razorsmile

Update:

Hier sind die gesammelten Beiträge der Blog-Parade:


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